75 Jahre Gustav-Adolf-Kirche Predigttext von Regionalbischöfin Susanne Breit-KeßlerMünchen-Ramersdorf Sonntag, 26.10.2010, 10 Uhr
Liebe Gemeinde!
In seinem Buch "Dichtung und Wahrheit“ vertritt Johann Wolfgang von Goethe eine Auffassung, die ganz modern anmutet. Er schreibt: "Beim Glauben … komme alles darauf an, dass man glaube; was man glaube, sei völlig gleichgültig.“ Der Glaube sei ein großes Gefühl von Sicherheit und Zukunft, und diese Sicherheit entspringe aus dem Zutrauen auf ein übergroßes, übermächtiges und unerforschliches Wesen. Und in einem Brief an eine Bekannte formuliert er: "Ihre Buben sind mir lieb...Ob sie an Christus glauben oder Götz oder Hamlet, das ist eins - nur an was lass sie glauben." Egal, was jemand glaubt, Hauptsache, er glaubt irgendwie. Das hört man immer mal wieder. Der Predigttext für den heutigen festlichen Sonntag der Gustav-Adolf-Kirche widerspricht dem ganz gewaltig. Es kommt nicht nur darauf an, dass ich irgendetwas glaube. Es ist auch ganz wesentlich, was ich glaube. Und wenn ich mir den Inhalt der grandiosen Festschrift Ihrer Gemeinde anschaue, die nachher bestimmt weggeht wie die warmen Brez´n, dann spüre ich: Sie hier in Ramersdorf glauben und wissen heute auch, an wen. Der Apostel hätte seine Freude an Ihnen. Ich lese aus dem 10.Kapitel des Römerbriefes die Verse 9-17.
9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« 12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5). 14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« 16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. (Römer 10, 9-17)
Im Gegensatz zu Goethe und manchen unserer Zeitgenossen meint Paulus: Der Glaube ist keine diffuse Vertrauensseligkeit in irgendein höheres Wesen, das wir verehren - wie es Böll in einer seiner Satiren formuliert hat. Es geht vielmehr um die Frage, wer und was gewinnt Einfluss über mein Leben, an wem und woran hängt mein Herz. Glasklar wird im Römerbrief gesagt, was den Inhalt des christlichen Glaubens ausmacht. Wenn ich glaube, dann wird mein Leben davon bestimmt, dass Jesus Christus der Herr ist. Nichts und niemand ist für mich entscheidender als er und sein Wort. Nicht zu allen Zeiten haben alle Christenmenschen sich daran gehalten, dass Jesus Christus alleiniger Herr ist. Bei der Grundsteinlegung Ihrer Kirche wurden zu Bibel, Gesangbuch, Katechismus, Augsburger Konfession Bilder von Bischof Meiser und Adolf Hitler gelegt. Bei der Einweihung Ihrer Kirche im Jahr 1935, so berichteten die Münchner Neueste Nachrichten, sagte der Dekan wörtlich: „Wie Gustav Adolf vor 300 Jahren den deutschen Protestantismus gerettet hat, so hat Adolf Hitler das deutsche Volk aus schwerer Zeit herausgerissen und ihm neue Wege in die Zukunft weisen dürfen und schreitet ihm voran“. Zeitgleich mit Ramersdorf fanden viele Gottesdienste in München statt; die Kirchen waren „geschmückt“, wie es heißt, „mit den neuen Fahnen“. Die Gottesdienste eröffneten die Reichstagung des Gustav-Adolf-Vereins. Bischof Meiser sprach ein Grußwort, in dem er den Verein lobte für seinen „Kampf des Glaubens“ und für sein Eintreten „für das Recht der göttlichen Wahrheit“. Der Zentralvorstand des Vereins sandte Hitler ein Telegramm, in dem, wörtlich, ein „Gelöbnis“ abgelegt wurde, bei der eigenen Arbeit immer „das große Ziel im Auge zu behalten, das der Führer dem deutschen Volk gesteckt hat“. Dies alles an dem Tag, an dem Ihre Kirche eingeweiht wurde. Z wei Jahre nach dem 1. April 1933, an dem Nazis den Boykott jüdischer Händler und Firmen verlangten. Zwei Jahre nach der Einführung des so genannten Arierparagraphen am 7. April 1933, der jüdische Bürger aus allen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen verdrängte . Zwei Jahre nach der Bücherverbrennung im Mai 1933. Jesus Christus war nicht mehr der alleinige Herr. Mit dieser Einsicht erheben wir uns nicht über unsere Vorfahren. Wir wissen nicht, wie wir damals agiert hätten. Aber wir lernen daraus. Pfarrer Herzog hat sehr eindrücklich in der Festschrift geschrieben, was not tut in der kritischen und zugleich demütigen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit – damit wir eine menschenfreundliche Gegenwart und verheißungsvolle Zukunft leben können. Das Gemeindeteam, der Kirchenvorstand – sie alle tragen durch verantwortungsvolle geistliche Leitung dazu bei, dass das möglich wird, was der Apostel von den Gemeinden erwartet: Treue zum Glauben, eine verantwortliche Lebensführung, die unserem Glauben entspricht und ein lebendiges Zeugnis dieses Glaubens mit Herzen, Mund und Händen. Nur wenn Jesus Christus unser Herr ist, den wir gerne bekennen, und an den wir herzlich gerne glauben, dann werden wir gerettet. Wenn wir ihn getreu dem ersten Gebot über alles stellen, verzichten wir auf Selbstherrlichkeit, auf Allmachtswahn und tödliche Arroganz, die andere, weil sie anders sind, vernichten will. Wenn Jesus Christus unser Herr ist, widmen wir uns liebevoll-diakonisch denen, die Hilfe brauchen, wie es durch Ihren Förderkreis Diakonie geschieht. Sie sortieren die Schwachen nicht aus, sondern schenken ihnen Ihr Herz. Vergelt´s Gott dafür. Ohne Diakonie ist Kirche nicht denkbar. Ihre Gemeinde hat eine Bildungsoffensive gestartet, weil Sie wissen, dass zu einem Christenmensch ein weiter Horizont gehört, einer, der nicht nur das eigene Volk und Land, sondern die ganze Welt, ihre Menschen und die Schöpfung vor Augen und im Herzen hat. Die Bildungsoffensive befasst sich mit Lektorenschulung und der Bedeutung von Kruzifixen, mit Trauerarbeit, der Qualität von Wasser und alternativen Heilmethoden. Weltoffen schauen Sie von Ramersdorf auch in Fußballfabriken in Pakistan und informieren sich über die Lage in Afghanistan. Anders als in der dunklen Zeit unseres Landes pflegen Sie eine „baumstarke“ Partnerschaft mit schwarzen Brüdern und Schwestern in Mtwango in Tansania. Ich habe gerade diese Woche Besuch von Jugendlichen aus Tansania gehabt und mich über Ihre Lebendigkeit gefreut. Sie haben mir beigebracht, wie man in Tansania schwungvoll „Gott segne dich“ sagt: Hände reiben, zweimal klatschen, „god bless you“. Man lernt nie aus. Übrigens trägt der Bastelkreis eindrucksvoll zu den Hilfsprojekten in Tansania bei - und engagiert sich zugleich für weitere Projekte in Südafrika und in Mecklenburg. Großartig! Jesus Christus ist unser Herr, den wir mit dem Mu nd bekennen, und an den wir von Herzen glauben. Sie tun viel dafür, dass man diesen Herrn auch kennen lernen und in sein Herz schließen kann: Interessante Kindergottesdienste, Spiegeleier und kleine Krokodile im Lila-Regenwürmer-Raum – ja, ich habe mich eben von Kirchenmaus Gustl über die Kindergruppen informieren lassen!, Familienarbeit, Eltern-Kind-Gruppe, Gakerix und die Konfis, überall kann man von Gott hören und ihn in der Gemeinschaft erleben. Ihn bekennen mit Herz und Mund, das tut auch die Kirchenmusik. MendelssohnChor München, der Gustav-Adolf-Chor, die Colors of Gospel, der zarte Flöten- und der laute Posaunenchor – Sie schaffen es, was Worte allein manchmal nicht vermögen: Dass Menschen jeden Alters und aus jeder Schicht verstehen, dass es einen Herrn gibt, der für sie alle da ist und der Wohnung nehmen möchte in ihrem Herzen und in ihrem Verstand, damit sie ihn bekennen vor aller Welt und nach seinem Gebot leben. Wer eine so wunderbare Kirchenmusik macht wie Gustav-Adolf-Gemeinde, der predigt musikalisch, damit Menschen zum Glauben kommen. Und wer glaubt, ist in Bewegung – in seinen Gedanken und Gefühlen, mit seinem Körper. Sogar da gibt es ein reichhaltiges Angebot in Gustav-Adolf. Der alte Schwede hätte sich vermutlich gewundert über Tai Chi und Gymnastikgruppe – aber warum nicht, wenn es zum Lobe Gottes geschieht? Gefallen hätte Ihrem Namenspatron aber gewiss die schwedische Auslandsgemeinde in München, die bei Ihnen Unterschlupf findet. Wundern würde er sich wohl auch über den ökumenischen Charakter des Frauenweltgebetstages. Darin, liebe Schwestern haben Sie dem Schwedenkönig allerhand voraus. Wir sollen unseren Herrn bekennen und in unserem Herzen wissen, dass seine Herrschaft mit unserem Tod kein Ende hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger macht das "was“ des christlichen Glaubens aus. Wir spüren, wie tragfähig dieser Glaube ist, wenn wir in eine Krise geraten und sich unsere Überzeugungen bei allen Fragen als so stabil erweisen, dass sie uns durch Krankheit oder seelischen Schmerz begleiten. Solche Feuerproben machen deutlich, ob und wie wir selbst glauben, in unserer ganz individuellen Person. Persönlich glauben, das beschreibt Paulus mit den Worten 'mit dem Herzen'. Wer mit dem Herzen glaubt, der ist in seiner gesamten Existenz betroffen, der entwickelt Gespür für das, worum es für ihn selbst bei der Sache mit Jesus geht. Wer mit dem Herzen glaubt, der denkt darüber nach, was es seinem Leben bringt, dass der Gottessohn Herr nicht nur im Leben, sondern über das Sterben hinaus ist. Wer mit dem Herzen glaubt, der hat nach jüdischer und griechischer Auffassung nicht nur Gefühl, sondern der ist auch verständig, vernünftig und entscheidet sich eigenständig. Das Glaubensbekenntnis, das wir jeden Sonntag im Gottesdienst miteinander sprechen, zeigt das deutlich. Es heißt immer wieder "ich glaube - und gleich, welchen Satz Sie aus dem Credo herausnehmen, ob die Vergebung der Sünden oder die Auferstehung der Toten, das Schöpfersein Gottes - jeder dieser Sätze hat für Sie dann eine Auswirkung auf Ihr Denken und Handeln, wenn es Ihr Satz ist. Das kann und darf einem niemand abnehmen. Ich vergleiche das mit der Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen der eine sagt: "Ich hab dich lieb.“ Der andere kann diese Worte für wahr halten, weil sie dazugehören. Bedeutung gewinnt dieser Satz allein dann, wenn man ihn ganz in sich hinein nimmt und die Worte so richtig mit dem Herzen glauben kann. Dann erst ist Leben in dieser Beziehung, bringt die gegenseitige Liebe beide Menschen in Bewegung. Glauben macht lebendig, bringt in Schwung, wenn es persönlicher Glaube ist, der nicht wie ein ungebrauchter Gegenstand aus Gewohnheit mitgeschleppt wird. Der Schriftsteller Robert Musil hat das so beschrieben: „Glaube darf nicht eine Stunde alt sein... er ist nicht etwas 'Eingemachtes'." Paulus legt Wert auf die so genannte verbale Kommunikation, die Verständigung durch das Wort. Goethe, der evangelische Zweifler, meinte sogar: "Wenn ich kennte den Weg des Herrn, / Ich ging ihn wahrhaftig gar zu gern; / Führte man mich in der Wahrheit Haus, / Bei Gott! Ich ging nicht wieder hinaus." Hören, hinhören meint die Fähigkeit, aufzunehmen, was mir ein anderer mitzuteilen, mit mir zu teilen hat. Das geschieht im Sonntagsgottesdienst, in der Predigt und dort, wo jemand hören, wahrnehmen kann. Wir lernen auch zu glauben durch Begegnung und Gespräche, durch Musik und Literatur. Hören, predigen, hören, glauben, bekennen, handeln. Im Bibelwort heißt es, um nicht zuschanden, sondern um gerecht und gerettet zu werden. Nicht bloß irgendwann in einer besseren Zukunft, einem jenseitigen Leben, sondern auch schon hier und jetzt. Hören, verstehen und glauben, dass Christus der Herr ist, der uns auch im Tod nicht verlässt, das soll uns an jedem Tag wahrhaft zu Gute kommen. Es macht Mut, innere Ruhe zu bewahren, wenn andere Herren als unser Gott und andere Ansprüche an uns herangetragen werden und uns herausfordern. Christus ist unser Herr. Dieses fröhliche Bekenntnis hilft einem, mit sich selbst und dem, was zu einem gehört, überein zu stimmen – weil unser Gott gesagt hat: 'Du bist recht vor mir'. Seine Liebe schenkt Phantasie, wenn wir etwas verändern müssen und wollen, damit wir und andere nicht zuschanden werden, nicht kaputt gehen. Der Freund Luthers, Philipp Melanchthon, hat gesagt: "Christus erkennen, heißt seine Wohltaten zu erkennen. Ich wünsche Ihrer reich gesegneten Gemeinde, dass Sie alle hören, sehen und spüren können, worin die Wohltaten Christi für Ihr, für unser Leben bestehen. Amen.
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